Der Ueberlandpark

Als 1981 der Verkehr vierspurig aus dem Schöneichtunnel über den neu gebauten Autobahnabschnitt N01/40 quoll, begann das Lärm- und Abgas-Elend in Zürich-Schwamendingen. Mehr noch: Die Teilquartiere «Saatlen» und «Mitte» waren ab diesem Zeitpunkt entzwei geschnitten. Dieser Misere setzt das «Projekt Einhausung» ein Ende. 

Das von der Bevölkerung mit viel Engagement und Ausdauer errungene Stadtreparaturprojekt «Einhausung Schwamendingen», das das Bundesamt für Strassen ASTRA in Zusammenarbeit mit Kanton und Stadt Zürich nun realisiert, richtet nach fast vier Jahrzehnten diese Planungssünde zum Guten: Die Nationalstrasse wird zwischen Schöneichtunnel und Autobahnbahnkreuz Aubrugg im Tagebau eingepackt. Lärm und Abgase verschwinden in einer Betonkiste. Auf der 940 Meter langen Einhausung entsteht ab 2025 der öffentlich zugängliche Ueberlandpark, der die Teilquartiere «Saatlen» und «Mitte» sowie die Naherholungsgebiete Zürichberg und Glattraum wieder miteinander verbindet. Von der Einreichung der Volksinitiative bis zur Eröffnung der Einhausung dauerte es über 25 Jahre. Schwierige Randbedingungen, zahlreiche Projektänderungen , die Erweiterung um die Sanierung des Schöneichtunnels und längere Verfahrenszeiten führten zu erheblichen Verzögerungen. Erste Annahmen waren davon ausgegangen, dass der Bau 2013 fertiggestellt sein würde - und nicht erst 2025.

IG pro zürich 12 setzt sich dafür ein, dass das grosse Bauwerk optimal ins Quartier «einwachsen» wird.

Wie es dazu kam

Der Name Ueberlanstrasse stammt aus einer Zeit, als diese tatsächlich noch über das Land führte. Bis weit nach 1959 war Schwamendingen, das erst mit der zweiten Eingemeindung von 1934 zur Stadt Zürich gekommen war, ein dörflich geprägter Ort. Erst dann begannen Private und vor allem Genossenschaften, Wohnbauten hochzuziehen. Und auch der Verkehr nahm allmählich zu. Als Albert Heinrich Steiner die Gartenstadt Schwamendingen entwarf, war die Ueberlandstrasse bereits eine wichtige Vebindungsachse.

In den 1970er-Jahren wurde aus dieser Achse ein Autobahnzubringer. Die Pläne waren Teil des Expressstrassenkonzepts aus den späten 1960iger Jahren. Ein Ring rund um die Stadt Zürich war vorgesehen, dazu sollten drei Äste in Form eines Ypsilons durch die Stadt führen. Das Autobahnteilstück Aubrugg - Tierspital war Teil des nördlichen Asts, der durch den Milchbucktunnel zum Platzspitz führen und dort mit dem West- und Südast verknüpft werden sollte.

Am 20. August 1980 wurde das Autobahnteilstück, das mitten durch die Gartenstadt Schwamendingen führte, eröffnet. Man versprach der Bevölkerung eine Kanalisierung des Verkehrs und damit eine Entlastung der Quartierstrassen. Zudem sollte es "asthetisch gefällig gestaltete" Lärmschutzwände geben, wie die NZZ berichtete. Die Realität war eine andere: Das Autobahnteilstück wurde zu einem der am meisten befahrenen der ganzen Schweiz. Mit rund 120'000 Fahrzeugen täglich brachte sie den Anwohnerinnen und Anwohnern eine weit über allen gesetzlichen Grenzwerte liegende Belastung an Lärm und Abgase. Drei Mal soviele wie beim gefürchteten Osterstau vor dem Gotthardtunnel. Rund 5000 Menschen waren dadurch im Jahr 2010 betroffen.

Immer wieder gab es Anläufe, die Missstände zu mildern. Der Architekt Pierre Zoelly, von dem auch die Pläne für das Heizkraftwerk Aubrugg stammen, beabsichtigte ursprünglich noch vor dem Bau der Autobahn, die Schnellstrasse teilweise mit Gewerbe- und Wohnbauten zu überbauen. 1990 regte ein Postulat an, die Autobahn in Leichtbauweise mit Stahl und Glas zu ummanteln. Die Idee fiel durch; Der Kantonsrat lehnte das städtebaulich umstrittene und finanziell kaum realisierbare Konzept ab. Stattdessen sprachen sich Bund und Kanton für 3 Meter hohe Lärmschutzwände auf beiden Seiten der Autobahn aus. Dies behagte nun der Quartierbevölkerung überhaupt nicht. Im März 1999 wurde eine kantonale Volksinitiative eingereicht, die eine "Einhausung" der Autobahn in Schwamendingen forderte. Noch immer schwebte den Initiantinnen und Initianten die Variante aus Stahl und Glas vor, 900 Meter lang sollte die "Kiste" sein, 27 Meter breit und 6 Meter hoch. Man schätzte die Kosten auf 90 Millionen Franken.

Der Regierungsrat lehnte die Initiative ab; der Kantonsrat aber, das kantonale Parlament, stellte sich hinter das Anliegen. Der Regierungsrat wurde beauftragt, ein entsprechendes Konzept auszuarbeiten. Gleichzeitig zeigte die Kommission für Planung und Bau eine mögliche Finanzierung auf. Weil bald klar wurde, dass eine Einhausung in Leichtbauweise nicht umsetzbar war, wurde 2003 im Rahmen eines Studienauftrags eine taugliche Lösung gesucht. Theo Hotz prüfte eine Tieferlegung der Autobahn, Diener&Diener wollte eine Brücke bauen und die Autobahn in Hochlage ummanteln. Zusammen mit dem Quartier und den Genossenschaften wurden die Ansätze in mehreren Workshops und in sogenannten Echoräumen diskutiert. Vertreterinnen und Vertreter aus dem Quartier sprachen sich für die Einhausung als dritte Variante aus.

Es brauchte aber ein zweite Planungsrunde, bis schliesslich die Einhausungsvariante von agps architecture behauptete. Die schsspurige Strasse sollte nun mit einem massiven Betonbau ummantelt werden, womit die Autobahn an der bisherigen Stelle verbleiben konnte. Mit einer Palette von Massnahmen im grossen und kleinen Massstab sollte anstelle der lärmigen Autobahn eine grüne Allmend entstehen, die den Wald am Zürichberg mir dem Grünraum entlang der Glatt verbindet. Ursprünglich waren noch Böschungen geplant; es war die Idee, das Bauwerk teilweise mit Erde zu überschütten, sodass es wie ein Damm wirken würde. Zahlreiche Verbindungen über und unter der Einhausung sollten die Quartierteile zusammenführen.

Nach dem Variantenentscheid ging es an die Konkretisierung, in planerischer, aber auch in politischer Hinsicht. Der Bund hatte bisher den Standpunkt vertreten, dass er lediglich einen Beitrag an die Einhausung leisten wolle, der den Kosten von Lärmschutzwänden entspricht. Der Regierungsrat forderte den Bund auf, seinen Anteil massgeblich zu erhöhen, und letztlich lenkte dieser ein. Zunächst sagte er einen Beitrag von 80 Millionen Franken zu. Der Kantonsrat bewilligte ohne Gegenstimme den Kostenanteil des Kantons. Weil kein Referendum ergriffen wurde, brauchte es keine Volksabstimmung. Eine solche war nur gerade in der Stadt Zürich nötig, denn alle Kredite über 20 Millionwn Franken müssen an der Urne entschieden werden. Im September 2006 sagt das städtische Stimmvolk deutlich Ja zum anteil von rund 40 Millionen Franken. 82,9 Prozent stimmten dem Projekt zu. In Schwamendingen, wo bei anderen Abstimmungen häufig die höchsten Nein-Anteile resultierten, kamen sogar 89 Prozent Ja-Stimmen zusammen - der höchste Wert aller städtischen Wahl und Abstimmungskreise.

Die Gesamtkosten wurden zum Zeitpunkt der Abstimmung mit 205,5 Millionen Franken angegeben. Der Anteil des bundes betrug jetzt 115,1 Millionen, jener des Kantons 50,6, die Stadt sollte 39,8 Millionen Franken beitragen. Viele Details des Projekts, die in der Abstimmungszeitung vorgestellt wurden, unterscheiden sich stark von dem, was heute in Schwamendingen steht. So war auf dem Dach der Einhausung lediglich eine "Basisbegrünung" vorgesehen, dazu eine minimale Oberflächengestaltung mit Wegen, Beleuchtung, Bepflanzung und Sitzgelegenheiten. Noch immer ging man davon aus, dass da und dort Böschungen auf die Einhausung führen sollten.Nach der gewonnenen Abstimmung konnten die Planungsarbeiten umfassend ausgeschrieben werden. So stiessen 2007 auch die Landschaftsarchitekten Krebs und Herde zum Projekt, damals noch unter dem Namen Rotzler Krebs, und ergänzten das Planungsteam. Es folgten Umfassendere Abklärungen zum Bau und zum Baugrund, die unter anderem zeigten, dass die Idee eines Damms mit Erdaufschüttungen kaum realisierbar war - auch deshalb, weil man wegen des zusätzlichen Flächenbedarfs noch mehr Häuser hätte abbrechen müssen, als sowieso schon erforderlich war. Weitere Projektänderungen wurden nötig, da der Bund den Anspruch hatte, den Bau der Einhausung mit der Sanierung des Schöneichtunnels zu koordinieren. 2010 ging die Projektleitung an das Bundesamt für Strassen (ASTRA) über. Der Spatenstich im März 2019 markierte nun den Start der Bauarbeiten. Als die Ausführungsarbeiten schon vorbereitet wurden, wünschte die Stadt, dass der Hochpark mit zusätzlichen Schattendächern, Spielplätzen und einem Pavillon aufgewertet wird. Für den damit nun deutlich höheren Kredit war in der Stadt Zürich 2021 eine zweite Abstimmung notwendig. Auch diesmal ergab sich ein überdeutliches Ja. Die Gesamtkosten für die Einhausung, die Sanierung des Schöneichtunnels, die Eindeckung Waldgarten, die Lüftungszentrale mit dem Tunnelportal Tierspital, die Teilsanierung der Betriebs- und Sicherheitsausrüstung des Tunnels Milchbuck sowie diverse weitere Projektänderungen und Projekterweiterungen belaufen sich nach Umsetzung des Projekts auf 643 Millionen Franken. (Quelle: Einhausung&Hochpark, Adi Kälin, agps architecture, Krebs und Herde Landschaftsarchitekten sowie Verlag Park AG, Zürich)

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